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Viel Feind, viel Ehr? Zur Kritik von Hubert Haider am „Minimalist Program“ und der „Construction Grammar“

Alexander Lasch. 2018. Viel Feind, viel Ehr? Zur Kritik von Hubert Haider am „Minimalist Program“ und der „Construction Grammar“. OA-Publikation via Qucosa. Persistente und zitierfähige URN: urn:nbn:de:bsz:14-qucosa2-317697.

Wer unter dem Titel Grammatiktheorien im Vintage-Look – Viel Ideologie, wenig Ertrag einen fast 50seitigen Aufsatz publiziert, hat offenbar ein Anliegen. Als interessierter Leser erhofft man sich, dass sich Haider dezidiert mit den von ihm kritisierten Paradigmen des Minimalist Program und der Construction Grammar auf Basis einer sachlichen Diskussion aktueller Forschung auseinandersetzt. Um es, aus Sicht der Konstruktionsgrammatik, für die ich hier sprechen möchte, kurz zu machen: Diese Erwartung wird bitter enttäuscht. Man gelangt recht schnell zu dem Eindruck, dass Hubert Haider die Auseinandersetzungen in der amerikanischen scientific community der 1970er Jahre, in denen es durchaus eine respektable Leistung von Charles J. Fillmore war, Noam Chomsky die Stirn zu bieten, als Dauerzustand postuliert. Doch wird dies nirgendwo expliziert und Haider genügt es, Vertreter·innen der beiden Paradigmen in einen Stellungskrieg zu schicken und dort verharren zu lassen, um von einer dritten Position aus ausgewählte Prämissen verkürzt zu diskutieren.

Man kann nur darüber mutmaßen, was die Herausgeber·innen des ersten Bands der Ludwig M. Eichinger gewidmeten Reihe „Germanistische Sprachwissenschaft um 2020“ Angelika Wöllstein (federführend), Peter Gallmann, Mechthild Habermann und Manfred Krifka bewogen haben mag, den Artikel von Hubert Haider in den Band zu nehmen. Recht erklären kann man es nicht. Zur Reihe, die der Frage nachgehen will, „wo […] die germanistische Sprachwissenschaft am Ende der beiden ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts [stehe]“ (https://www.degruyter.com/view/serial/496081, Stand: 07.08.2018), passt der Beitrag zumindest in einer Hinsicht. Er deutet an, mit welcher Stimme Hubert Haider 2020 zu sprechen gedenkt; der Artikel wird dann jedoch schon ca. 25 Jahre zu spät gekommen sein. Denn er stellt eine Debatte vor, die man vielleicht bis in die frühen 1990er in der angloamerikanischen Linguistik und vor zehn Jahren – mit etwas Verzögerung – auch im deutschsprachigen Raum an mancher Stelle geführt hat.

Diese Fokussierung auf eine Auseinandersetzung aus den 1990ern ist (I) der erste Grund, weshalb eine kritische Entgegnung auf Haiders Beitrag massiv erschwert wird, zumal sich der Artikel zum einen auf den damaligen Forschungsstand bezieht (hinsichtlich der ideologischen Aufladung) und zum anderen äußerst selektiv konstruktionsgrammatische Forschung wahrnimmt. Für die Konstruktionsgrammatik gesprochen heißt das, dass Haider Fillmore & Kay 1999 erwähnt und sich ansonsten auf Goldberg konzentriert, die er in den Mittelpunkt seiner Kritik stellt. Bisweilen rückt er noch Publikationen von Croft daneben. Die Zitation zweier neuerer Handbuchartikel von Croft (2013) und Goldberg (2013), in denen die beiden ihre Forschung der frühen 2000er auf insgesamt 35 Seiten zusammenfassend darstellen, sowie einer (scheinbar) aktuelleren Publikation von Croft (2017 als Handbuchartikel einer gleichnamigen Monographie von 2002) lässt augenfällig werden, dass Haider eine Autorenkritik verfasst – ein Anspruch auf eine Kritik der Konstruktionsgrammatik jedenfalls lässt sich darauf nicht gründen.

Zum zweiten (II) verbietet der polemische und beinahe ins Sarkastische driftende Ton eine kritisch-wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung:

Der Charme der Konstruktionsgrammatik liegt zum Teil darin, dass sie jedem Clubmitglied eine Spielwiese bietet, für die individuell bevorzugte CxG-Variante, von ‚embodied‘ bis ‚radical‘. […] Jedes Tierchen ein Plaisierchen, jede Konstruktion eine Sensation. [… ] Beide Paradigmen [also MP und KxG] weisen einen Kardinaldefekt auf. Sie sind steril. Keines war bisher in der Lage, belastbare Gesetzmäßigkeiten aufzudecken, die selbst wieder zum Schlüssel für Entdeckungen im komplexen kognitiven Gebäude von Grammatiken menschlicher Sprachen würden. (Haider 2018, 88. Hervorhebung im Original)

Ist es Anliegen der Konstruktionsgrammatik, Gesetzmäßigkeiten formulieren zu wollen? Sollte sie das tun? Ich kann hier nur für mich und über meine Sicht auf eine gebrauchsbasierte Konstruktionsgrammatik sprechen. Deren Anliegen ist, sprachliches Wissen gegenstandsadäquat zu analysieren. Die abschließende Belehrung Haiders, dass sich Auseinandersetzung mit Sprache an den Standards naturwissenschaftlicher Forschung zu orientieren habe, die mit Verlaub ebenfalls weiß, dass erarbeitetes Wissen bestenfalls vorläufigen Charakter haben kann und sich Prozessen der Falsifikation und Verifikation stellen muss, kann man als ironisch gemeinten Schlusspunkt unter dem Beitrag sehen, an dem Haider noch einmal herausstreichen mag, wie ideologisch verfestigt die beiden von ihm kritisierten Paradigmen seien. Hubert Haider sei eingeladen, nur einen Ansatz grammatischer Forschung zu benennen, in dem eine Gesetzmäßigkeit formuliert worden sei – Versuche wie die von Lachmann, sich das Mittelhochdeutsche aus dem Lehnstuhl heraus zurechtzuerfinden – was durchaus der damaligen Forschungsauffassung entsprach – , meine ich damit allerdings ausdrücklich nicht. Wenn das nicht gelingt, dann sollte man z.B. für das Deutsche auch nur eine Gesetzmäßigkeit jenseits der Nebensilbenabschwächung in Folge der Festlegung des Initialakzents benennen. Sind allerdings Generalisierungen gemeint, die auf der Basis eines vereinbarten Theorierahmens beschrieben werden, dann muss man sagen, dass an verschiedenen Stellen daran gearbeitet wird.

Ein Blick z.B. auf die (auch deutschsprachige) Forschungslandschaft zu Konstruktionen zeigt, dass in den letzten Jahren nicht nur einige Studien veröffentlicht worden sind, die belastbare Ergebnisse präsentieren, die das Wissen über Sprachwissen vom Spracherwerb über sprachliche Idiomatizität, syntaktische Strukturen bis hin zum Sprachgebrauch medialer Mündlichkeit und Schriftlichkeit nicht nur bestätigen, sondern auch korrigieren und teils beträchtlich erweitern. Schließlich werden die Prämissen des Ansatzes beständig weiterentwickelt. Die Kritik, die Haider vom Handbuchartikel Goldbergs 2013 ausgehend entwickelt (Haider 2018, 61 – im Fließtext fälschlicherweise auf 2003 datiert), mag für Publikationen von Goldberg gelten, verfängt in vielen Punkten aber für die Konstruktionsgrammatik nicht (mehr). Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Fixierung auf den Funktionsbegriff bei gleichzeitiger Verwendung syntaktischer Funktionen wie „Subjekt“ und „Objekt“, die dem typologisch arbeitenden Croft bereits in der Fundierung der Radical Construction Grammar erhebliche Probleme bereitete, wird offen seit 2013 konstruktiv kritisiert (Ziem & Lasch 2013). Haider berücksichtigt aber keine anderen Positionen, sondern lobt summarisch deren zweifelsohne gegebene Bemühtheit (Haider 2018, 60), um sich nur mit dem ‚programmatischen‘ Ansatz von Goldberg auseinanderzusetzen. Eine Entgegnung könnte daher (III) drittens nur eine kommentierte Forschungsbibliographie der sprachgebrauchsbasierten Konstruktionsgrammatik der letzten 25 Jahre sein – vielleicht könnte man aber auch hier einen gemeinsamen Dialog eröffnen. Einer der zentralen Fragen, nämlich der nach Frequenz und Salienz von Konstruktionen im Gebrauch und den sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Modellierung kognitiver Modelle der Sprachwissensrepräsentation, könnte man sich ja aus verschiedenen Richtungen nähern.

Um auf die anfangs aufgeworfene Frage noch einmal zurückzukommen, wo die Sprachwissenschaft 2020 stehe: Da wir ergebnisoffen arbeiten, ist das schwerlich zu sagen. Wenn wir aber in diesem Ton miteinander unsere Ergebnisse behandeln und aushandeln, dann kann man den Punkt schon jetzt benennen: am Ende.

Literatur

Croft, William. 2013. Radical construction grammar. In: Thomas Hoffmann & Graeme Trousdale (Hg.). The Oxford handbook of construction grammar. Oxford: Oxford University Press. 211–232.

Croft, William. 2017. Typology and universals. In: Mark Aronoff & Janie Rees-Miller (Hg.). The handbook of linguistics. 2. Aufl. Hoboken, NJ: John Wiley.

Fillmore, Charles & Paul Kay. 1999. Construction grammar coursebook. Berkeley: University of California.

Goldberg, Adele. 2013. Constructionist approaches. In: Thomas Hoffmann & Graeme Trousdale (Hg.). The Oxford handbook of construction grammar. Oxford: Oxford University Press. 15–31.

Haider, Hubert. 2018. Grammatiktheorien im Vintage-Look – Viel Ideologie, wenig Ertrag. In: Angelika Wöllstein u.a. (Hg.). Grammatiktheorie und Empirie in der germanistischen Linguistik (Germanistische Sprachwissenschaft um 2020, 1). Berlin, Boston: de Gruyter. 47-92. DOI: https://doi.org/10.1515/9783110490992-003.

Ziem, Alexander & Alexander Lasch. 2013. Konstruktionsgrammatik. Konzepte und Grundlagen gebrauchsbasierter Ansätze (Germanistische Arbeitshefte 44). Berlin, Boston: de Gruyter.

 

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